Kurt Kowarz: "Manuel Neuer ist der kompletteste Torwart!"
Kurt Kowarz (* 12. April 1958 in Ulmbach) ist ehemaliger Profitorwart und arbeitet derzeit als Fußballtrainer beim bayerischen Oberligisten TSV 1896 Rain sowie auf Honorarbasis beim Deutschen Fußball-Bund als Torwartcoach im Nachwuchsbereich. Kowarz wurde als direkt beteiligter Torwarttrainer sowohl 2008 mit der U19 in Tschechien als auch 2009 mit der U21 in Schweden Europameister.
Kowarz spielte von 1988 bis 1994 beim 1. FC Nürnberg und kam zu elf Bundesliga-Einsätzen. Kowarz war bei Nürnberg zweiter Mann hinter Nationaltorwart Andreas Köpke und kam daher auch nur zu Einsätzen, wenn Köpke verletzt oder aufgrund roter Karten gesperrt war.
Seine Karriere begann Kurt Kowarz bei der SG Germania Ulmbach, wechselte dann zur SG Bad Soden und wurde dort 1980 Meister der hessischen Landesliga, was gleichzeitig den Aufstieg in die Fußball-Oberliga Hessen bedeutete. Im Sommer 1982 wechselte er zum Oberligisten VfR Bürstadt, um im selben Jahr nur denkbar knapp in der Aufstiegsrunde zur 2. Fußball-Bundesliga zu scheitern. Im darauffolgenden Jahr gelang dann der Aufstieg in die 2. Bundesliga. Kowarz absolvierte in der Saison 1983/84 als einziger alle 38 Zweitligaspiele, doch auch er konnte mit gewohnt guten Leistungen den sofortigen Wiederabstieg nicht verhindern. Kowarz wechselte zum Zweitliga-Aufsteiger Viktoria Aschaffenburg, ab 1986 spielte er für Rot-Weiß Oberhausen. Nachdem in der Saison 1987/88 Rot-Weiß Oberhausen wegen finanzieller Unregelmäßigkeiten die Lizenz entzogen wurde, war er wochenlang arbeitslos.
Kurioserweise fand Kowarz seinen neuen Arbeitgeber über einen Bericht im "kicker SPORTMAGAZIN". Der 1. FC Nürnberg suchte dort einen Ersatzmann für Andreas Köpke – Kurt Kowarz absolvierte ein überzeugendes Probetraining und erhielt noch für die laufende Saison 1988/89 einen Vertrag beim Bundesligisten 1.FC Nürnberg. Er kam dort in seiner Zeit von 1988 bis 1994 lediglich zu elf Bundesliga-Einsätzen, da er mit Köpke eine enge Freundschaft schloss und klaglos die Ausnahmestellung von Köpke und somit auch seine Position als zweiter Torwart akzeptierte.
In seiner letzten Saison beim Club kam Kowarz zu keinem Einsatz mehr, der 1. FC Nürnberg stieg in die 2. Bundesliga ab, Köpke wechselte zur Eintracht nach Frankfurt. Kowarz beendete seine Karriere, weil ihm der damalige "Club"-Trainer Rainer Zobel gegenüber dem Neuzugang, DDR-Nationaltorhüter Perry Bräutigam, keine faire Chance auf einen Stammplatz einräumen wollte, ehe er 1995 als Spielertrainer im Amateurbereich beim FV Steinau in Hessen weitermachte. Mit dem FV Steinau gelang ihm dreimal der Aufstieg bis hin in die Oberliga Hessen. Ab 1998 war Kurt Kowarz Torwarttrainer bei Arminia Bielefeld, und schon dort kreuzten sich die Wege mit Zdenko Miletic, mit welchem er später beim FC Augsburg wieder trainierte. Danach war Kowarz in einem Talentförderprogramm des DFB tätig.
Kurt Kowarz war seit der Saison 2002/03 als Co-Trainer beim FC Augsburg tätig, mit dem ihm 2006 der langersehnte Aufstieg in die 2. Bundesliga gelang. Am 2. Januar 2008 wurde er mit sofortiger Wirkung vom Dienst freigestellt. Am 17. Januar 2009 wurde der Fußballlehrer als neuer Cheftrainer des TSV 1896 Rain am Lech (Bayernliga) vorgestellt, mit dem er in der gerade abgelaufenen Spielzeit den fast schon nicht mehr für möglich gehaltenen Klassenerhalt per Relegation sichern konnte.
Genau eine Woche nach dem EM-Titelgewinn der deutschen U21 traf sich KEEPERsport-Mitarbeiter Christoph Nowak mit Kurt Kowarz in Augsburg zum Interview:
KEEPERsport: "Servus Kurt, zuerst einmal herzlichen Glückwunsch zum Gewinn der U21-Europameisterschaft, dein zweiter EM-Titel! Dein Schützling Manuel Neuer spielte ein überragendes Turnier... "
Kurt Kowarz: "Danke zunächst `mal. Es stimmt, der Manuel war in den meisten Spielen, insbesondere im Halbfinale gegen Italien, der entscheidende Mann, der eine sehr große und positive Ausstrahlung auf das gesamte Team hatte. Die Jungs wussten, mit dem da hinten d´rin kann uns eigentlich gar nix passieren... "
KEEPERsport: "Was zeichnet Manuel Neuer aus?"
Kurt Kowarz: "Er ist zunächst der kompletteste Torwart, den ich kenne. Vergleichstests haben ergeben, dass er unter den deutschen Nationalkeepern absolut die größte Sprungkraft hat. Aber auch von den technischen Abläufen her halte ich ihn für absolut klasse. Meiner Meinung nach ist er aktuell sogar der bessre Torwart als Jens Lehmann. Er ist auch vom Kopf her eigentlich wesentlich älter als 23 und hat auch eine sehr positive Ausstrahlung!"
KEEPERsport: "Wie beurteilst du seine Chancen auf einen Stammplatz im deutschen Tor bei der WM 2010 in Südafrika?"
Kurt Kowarz: "Ich möchte Joachim Löw und Andreas Köpke da auf keinen Fall vorgreifen. Es gehört sicherlich etwas Mut dazu, sich zu einer solchen Entscheidung durchzuringen; aber ich bin mir absolut sicher, der "Manu" würde es zurückzahlen. Er hat jetzt ein großes Turnier toll absolviert, also warum nicht?!?"
KEEPERsport: "Genialsten Paraden standen bei Neuer aber auch immer `mal wieder haarsträubende Fehler gegenüber, aber er scheint immer relativ schnell wieder "den Schalter umlegen" zu können?!?"
Kurt Kowarz: "Manuel hat einen "guten Geist", er kann mit Fehlern absolut umgehen. Für ihn ist jedes Spiel, auch im Training, total wichtig, er kann einen absoluten Fokus darauf richten. Er hat auch kein Problem, vor 80 000 Zuschauern einen sehr souveränen Auftritt hinzulegen."
KEEPERsport: "Er steht auf der Wunschliste des FC Bayern. Habt ihr während der EM-Wochen `mal über diese Anfrage gesprochen?"
Kurt Kowarz: "Ja, aber eigentlich eher allgemein. Manuel wäre meiner Meinung nach für Bayern der perfekte Torhüter, er würde mit dem Druck dort ohne Probleme klarkommen. Ich denke schon, dass sich das "Torwart-Karussell" demnächst nochmal gehörig in Bewegung setzen wird. "Manu" ist aber Schalker durch und durch, und würde dies wohl auch bei einem Wechsel nach München trotzdem immer bleiben. Warum soll in einem "Torwartherz" nicht Platz für zwei Vereine sein?"
KEEPERsport: "Du bist dem DFB-Coach Horst Hrubesch fest als Torwarttrainer zugeteilt, was steht als nächstes an?"
Kurt Kowarz: "Im September steht mit dem letztjährigen U19-Europameister-Team die U20-WM in Ägypten an, dort werde ich auf alle Fälle wieder dabei sein. Sascha Burchert von Hertha BSC Berlin ist dort normalerweise die Nummer eins, aber auch Tom Mickel, der jetzt von Cottbus zum HSV gewechselt ist, hat eine gute Einstellung und ist ein sehr wissbegieriger junger Mann."
KEEPERsport: "Wie beurteilst du die anderen Nationaltorhüter der A-Mannschaft, René Adler, Robert Enke und Tim Wiese?"
Kurt Kowarz: "Fakt ist, dass es noch keine absolute Nummer eins gibt. Robert Enke ist ein ein solider, zuverlässiger Torwart ohne große "Ausreißer" nach oben oder unten; René Adler hatte tolle erste eineinhalb Jahre als Stammkeeper und spielte auf allerhöchstem Niveau, ja geradezu in einem Art "Rauschzustand". In der letzten Saison bekam er Probleme und einige vermeidbare Tore. Tim Wiese verkörpert eine eher spektakuläre Art des Torwartspiels und hat eine sehr positive Entwicklung genommen, nicht zuletzt deswegen, weil er sein Gewicht um einiges reduziert hat."
KEEPERsport: "Gibt es in deiner Philosophie als Torwarttrainer besondere Ansätze?"
Kurt Kowarz: "Für mich gehört eine Rundum-Betreuung in allen Bereichen einfach dazu; einen Michael Rensing beispielsweise hätte ich bezüglich seiner fortwährenden, eigentlich immer recht unglücklichen Interviews schon `mal zur Seite genommen und hätte gesagt, Junge, halt einfach `mal die Klappe!"
KEEPERsport: "Was sagst du zum Einbinden von Sportpsychologen?"
Kurt Kowarz: "Wir hatten bei der Vorbereitung zu U21-EM mit Jan Meier einen Top-Mann dabei, der sich selbst nicht zu wichtig nimmt und der haargenau einschätzen kann, wann es reicht. Ich halte den Mann für überragend! Beim Turnier selbst war er nicht dabei, hatte aber vorher tolle Maßnahmen in Sachen "Teambuilding" eingeleitet, die dann eben auch vom Trainer- und Betreuerstab um Horst Hrubesch fortgeführt wurden."
KEEPERsport: "Während der EM-Vorbereitung musste der TSV Rain, den du hauptsächlich trainierst, in die Abstiegsrelegation der Oberliga Bayern und du konntest bei den beiden Matches nicht direkt dabei sein... Auch nicht optimal, oder?!?"
Kurt Kowarz: "Die Mannschaft um den vorbildlichen Spielführer Bernd Taglieber ist eine gute Truppe, die die Automatismen, die wir seit meinem Amtsantritt einstudiert hatten, auch verinnerlicht hat, deshalb hatte ich da auch keinerlei Angst, dass da etwas passieren kann. Bei den beiden Entscheidungsspielen hatte ich Aufstellung und Taktik soweit selbst vorbereitet, was dann von "Sepp" Meier, meinem zu 100 Prozent verlässlichen Co-Trainer und dem funktionierenden Team am Spieltag in meiner Abwesenheit eigentlich nur noch umgesetzt wurde. Während des Spiels gegen Seligenporten, das uns den Klassenerhalt sicherte, hatte ich gerade Torwarttraining mit den Jungs von der U21 und verbotenerweise ;-) mein Handy mit auf dem Platz dabei und wurde von meiner Tochter Michelle (14) direkt vom Spielort in Eichstätt regelmäßig per SMS über den Spielverlauf unterrichtet."
KEEPERsport: "Wie wurde der Klassenerhalt eigentlich gefeiert, du warst ja nicht da?"
Kurt Kowarz: "Das war schon eine tolle Geschichte, sehr emotional. Ich kam am Tag nach dem Klassenerhalt nach Hause und wunderte mich, dass ich keinen der Verantwortlichen und Spieler telefonisch erreichen konnte. Naja, die sind alle noch schön fertig von gestern, habe ich mir gedacht... Dann komme ich nach Hause, öffne die Garage, und wer wartet auf mich?!? Die gesamte Mannschaft samt Spielerfrauen und Funktionären. Das war dann noch `ne richtig schöne Party aus dem Stegreif, das hat mich schon sehr, sehr positiv überrascht!"
KEEPERsport: "Gab es mit dem TSV Rain eigentlich nie Probleme bezüglich deiner "Doppelfunktion"?"
Kurt Kowarz: "Nein, meine Tätigkeit und die Termine meiner Abwesenheit waren von vornherein abgeklärt; der TSV Rain sieht es sogar sehr positiv, wenn sein Trainer auch noch eine DFB-Tätigkeit hat."
KEEPERsport: "Noch kurz ein Wort zu deinem Ex-Verein FC Augsburg. Dort wurde mit Sven Neuhaus der langjährige und verdiente Stammkeeper ohne Not zur Nummer drei degradiert. Wie beurteilst du das?"
Kurt Kowarz: "Neuzugang Simon Jentzsch hat gegenüber Sven sicherlich gewisse Vorteile, die ihn in der Gesamtschau aber aufgrund dessen fußballerischen Klasse meiner Ansicht nach nie vor einen Sven Neuhaus stellen; es ist ein Unding, hier keinen fairen Wettbewerb zwischen beiden auszurufen, das zeigt mir nur, dass sich die FCA-Verantwortlichen ihrer Sache sportlich wohl nicht hundertprozentig sicher sind, dass Jentzsch als Sieger aus einem Duell mit Neuhaus hervorgehen würde. Letztes Jahr hat Manager Andreas Rettig quasi im Alleingang Vasili Khamutouski verpflichtet, er konnte sich gegen Neuhaus wohl wider Rettigs Erwartung nicht durchsetzen. Dieses Jahr machte er das genau gleiche mit Jentzsch und Rettig will sich wohl eine erneute derartige Blamage ersparen. Deshalb ist Sven Neuhaus meiner Ansicht nach völlig zu Unrecht und fast schon menschlich tragisch dermaßen vom FC Augsburg "abserviert" worden!"
"Kurt, alles Gute und vielen herzlichen Dank für dieses interessante und hintergründige Interview! Wir von KEEPERsport wünschen dir natürlich alles Gute privat sowie mit dem TSV Rain und dem DFB!"










